WDR3/BR3 Verfilmung sorgte 2004 für Aufsehen um den “durchgeknallten” Emser. Die Süddeutsche sprach  vom “Rohdiamanten der Kunstszene”. 6 Jahre später ist es still geworden um unseren Rainer…
 so kennt man Rainer in Bad Ems
Rainer Herpel, geboren am 31.12.51, lebt in Bad Ems. Irgendwann mit Anfang zwanzig hat er sich entschlossen, fortan zu schweigen. Fast dreißig Jahre lang hat er nicht gesprochen. Auf die Ohren setzte er sich große Kopfhörer, in die Ohren Oropax - gegen Lärm, den er die “Pest”, “die Geißel der Menschheit” nennt. Erst als sein Vater starb, begann er wieder zu reden. Sein Vater ist irgendwann nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Er habe, sagt der Sohn, vorher mit “Häftlingsbeaufsichtigung” zu tun gehabt und “hätte gern noch weitergemacht”, mit dem Krieg. Er habe nie ordentlich mit ihm geredet, sondern immer nur geschrieen, Tobsuchtsanfälle gehabt. Das Kind hielt in solchen Situationen den Mund: “Der hätte mich sonst weggeschafft.” Seinen Vater überlebt zu haben, sei ein kleiner Sieg gewesen, sagt er heute. Und dann: “Vielleicht überleb ich sogar meine Mutter. Sie kann reden wie die Pest.” Kirsten Glauner und Klaus Antes vom WDR haben es sich nicht leicht gemacht. Sie haben Rainer Herpel wochenlang begleitet, ihm zugehört und aus diesem Material einen unaufgeregten, unkommentierten Film gemacht, der sich, seinem Protagonisten und den Zuschauern die notwendige Zeit lässt. Der Film zeigt Herpel im Haus seiner alten Mutter, bei der er noch immer lebt. In manchen Szenen sind auch beide im Gespräch zu sehen. Es sind deprimierende Szenen einer eigenartigen Beziehung. Er macht ihr Vorwürfe über seine verpfuschte Kindheit, er sei immer unglücklich gewesen, sie: “Aber doch nicht als Säugling!”; er führt ihr penibel das Haushaltsbuch. Er sagt ihr, sie müsse abnehmen, sie: “Ich hab doch nix außer der Esserei.”Keine Frage: Rainer Herpel zeigt Zeichen psychischer Störungen. Anzeichen von Magersucht und Waschzwang, manische Elemente - etwa wenn er zeichnet, eher kritzelt wie ein Getriebener - Blatt um Blatt dasselbe Motiv, bis er zum Schluss penibel den Stapel auf Kante bringt. Er achtet peinlich genau auf seinen Körper, seine Haut. Er scheint in den 70ern eingefroren zu sein, was Musikgeschmack (er hört Beatles, Pink Floyd, Genesis) oder auch Ansichten betrifft, etwa sein Bild von Frauen oder von Ehe (”Die Frau ist darauf angewiesen, dass sie geheiratet wird, der Mann ist mit seinem Beruf verheiratet”). Er scheint keine Beziehungen gehabt zu haben. Er spricht von seiner “Saldo-Philosophie”, wonach eine Sache zugleich ihr Gegenteil sei.Rainer Herpel ist intelligent. Er philosophiert auf eine durchaus faszinierende Art und Weise. Er spricht in diesem Film über Tod und Veränderung, Verwandtschaft, Selbstmord, Malerei, Lachen, über Rezepte und Autos, die er mal toll fand. Und er malt. Seit seiner Jugend, als “die Welt und die Kunsthändler” ihn “nicht wollten”. Während des 30-jährigen Schweigens hat er gemalt, gearbeitet, seine Arbeiten weggeschlossen, “auf den Tag gewartet, wo ich weltberühmt werde” und die Überzeugung gehütet, er stehe in einer Reihe mit Picasso und Van Gogh - “wie ein Dreisprung”. Die Kamera zeigt ihn in seinem Atelier, er ist größenwahnsinnig, aber manche Arbeiten sind interessant.Eine reißerische Reportage hätte einen Verrückten vorgeführt und die dazugehörige Geschichte kolportiert. Glauner und Antes dagegen lassen keine Vereinfachung zu. Die Szenen sind sorgfältig ausgewählt und komponiert, der Film für den Zuschauer ein einziges Wechselbad. Mal irritieren die Aussagen, mancher Satz lässt - ausgesprochen in sanfter Melancholie - einen geradezu frösteln, gleich darauf folgt ein Gedanke, dem man in seinem Gehalt sofort zustimmen würde. Mal wirkt er liebenswert, bemitleidenswert, dann eitel und arrogant, dann wieder befremdlich. Aus den Szenen fügt sich ein Porträt, dessen Interpretation die Autoren, wie es sich für einen guten Film gehört, ganz dem Zuschauer überlassen. Und der gerät so plötzlich in ein unerwartetes Zwiegespräch mit dem Porträtierten und mit sich selbst.Denn Glauner und Antes zeigen eben Rainer Herpel nicht als “irgendeinen Durchgeknallten”, sondern als selbst handelndes, selbst entscheidendes Subjekt. Sie nehmen ihn ernst und respektieren ihn als jemanden, der eine Möglichkeit gesucht hat, es in der Welt, in seiner Welt auszuhalten.“Normal” wäre es vielleicht gewesen, einfach von diesem destaströsen Zuhause wegzugehen. Warum sah seine Rebellion so anders aus? Viele Fragen beantwortet dieser Film nicht, sie bleiben offen, aber um Lückenlosigkeit einer Biografie und ihrer psychologischen Offenlegung geht es hier auch nicht. Was ist eigentlich normal, wenn es so unterschiedliche Einflüsse auf das Leben gibt - mit dieser Frage ist man nach diesem klugen, zurückhaltenden Film noch lange beschäftigt. (epd medien Nr. 69, 01. 09.2004)
Rainer arbeitet unter seinem Künstlernamen “Iwan Smith” in der Bad Emser Bachstrasse. Die meisten Arbeiten sind aus den 70erJahren. Ich werde mir nun ein Bild zulegen und vom Kauf auf der “emserdepesche” berichten. Vielleicht schaffe ich es auch, seine Bilder im “Brillentreff” auszustellen.